GRAZ MOCKBA GRAZ

GRAZ MOCKBA GRAZ

AUSSTELLUNG WORKSHOP KONZERTE
Mi 26 10 2005 bis Fr 04 11 2005
DOM IM BERG
THEREMIN

Fotogalerie

TERMEH THEREMIN
Lew Sergejewitsch “Termen”
Erfinder – Künstler – Spion

IMA :: Kooperation mit kulturdata und dem Theremincenter Moskau

graz

Kunst und Wissenschaft zwischen Freiheit und Terror

Unter Eindruck terroristischer Anschläge und eines damit verstärkten Rufs der Bevölkerung nach staatlicher Sicherheit bekommt das Projekt “Lev Sergejevitch Termen” eine hochaktuelle Bedeutung, denn es scheint die Mehrheit der Menschen – ausgenommen von ein paar Datenschützern – kaum zu beunruhigen, dass Sicherheit zu lasten bürgerlicher Freiheiten zu gehen droht.

Leben und Werk eines Genies, eines Künstlers und Forschers in der vormaligen Sowjetunion kann heute als Blaupause gelesen werden. Es zeigt beispielhaft wohin es führt, wenn Menschen Freiheit vorenthalten wird. Eine solche Gesellschaft verliert mit dem autonomen Subjekt ihre einzige Zukunftsressource, den freien Geist. Im Wettbewerb der Ideen scheitert diese Gesellschaft mit “Sicherheit”, und scheitert damit an ihrer eigenen Zukunft.

Am Staatsfeiertag erinnern wir uns an die einstigen Befreier und gleichzeitig an das Datum, an dem wir unsere Freiheit auch von den Befreiern wieder erlangt haben. Mit der Ausstellung Lev Termen rücken wir Unfreiheit und Terror in den Mittelpunkt: ohne Freiheit kann Kultur nicht entstehen, können sich weder Wissenschaft noch Künste entwickeln, und dies alles untergräbt, pragmatisch gesprochen, die ökonomische Existenz der Gesellschaft.

Am Beispiel “Lev Termen” wenden wir uns daher an die jüngere Generation mit dem Hinweis, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist, dass die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Wissenschaften, zwar formal festgeschrieben, aber realiter keineswegs garantiert sind. Es zählt zu den grundlegenden Herausforderungen künstlerischer, wissenschaftlicher, forschender und experimenteller Arbeit, Freiheit in den realen Projekten mitzubedenken und als conditio sine qua non auch einzufordern.

Aufgrund der massiven Terrorwellen gerät die freiheitlich-westliche-demokratische Ordnung immer mehr unter Druck. Es wächst die Gefahr, dass aus dem berechtigten Wunsch nach Sicherheit die einst hart erkämpfte Freiheit freiwillig und im gesellschaftlichen Konsens Stück um Stück aufzugeben sein wird. Es geht um mehr Überwachung, um mehr Kontrolle aller Lebensbereiche, wobei die errungenen Freiheiten und Privatsphären der Bürger, die dafür votieren, nicht ausgeschlossen bleiben. In diesem Kontext bekommt die Veranstaltung “Graz-Moskau-Graz” als Rückschau auf die Jahre der Unfreiheit, eine hochgradige Aktualität als eine Vorausschau, in der Freiheit nicht vorenthalten, sondern als gesellschaftliches Gut von den Mitgliedern der Gesellschaft “Stück um Stück” aufgegeben wird. Darüber hinaus wird Freiheit zur Quoten- und Unterhaltungsmaximierung missbraucht oder wirtschaftlichen, politischen und religiösen Interessen geopfert. Die Folgen für die Zivilgesellschaft sind verheerend, die Folgen für das Individuum vernichtend.
Vor diesem Hintergrund kommt einem Musikinstrument, dem “Theremin” und dessen Erfinder, Lev Termen, übergeordnete Bedeutung zu. Das Theremin entführt uns in die Höhen eines Genies, in die Verantwortung des “kreativen Geistes”. Dieser Geist allein konnte die unvorstellbare Spannung von Leben und Werk, zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Kultur- und Militärtechnik, zwischen den Existenzen Superstar und Geheimdienst, Ehrenpreisträger und Strafgegangener tragen und ertragen.

Ausstellungskonzeption

Die Ausstellung “Graz-Moskau-Graz” stellt zwei historische Ereignisse in den Mittelpunkt, erstens das zeitliche Ereignis, das Gedenkjahr 1945, mit der Befreiung Österreichs durch die Alliierten, und zweitens das Räumliche, den Ort der Ausstellung, die “Schlossbergstollen”, die sich ebenfalls den Kriegsjahren verdanken. Sie waren als Schutzstollen vor Bombenangriffen der Alliierten für die Grazer Bevölkerung errichtet worden. 30.000 Grazerinnen und Grazer fanden darin Schutz. Vor genau fünf Jahren fand mit der Errichtung des “Dom im Berg” die Umwidmung der Kriegsstollenanlage in einen Kultur- bzw. Friedensstollen statt. Mit der Ausstellung “Graz-Moskau-Graz” im Gedenkjahr 2005 wird bewusst an die Entstehungsgeschichte der Schlossbergstollen angeschlossen und die Herausforderung auf nachhaltige Fortsetzung friedensstiftender und kultureller Aktivitäten im und mit dem “Dom im Berg” angeschlossen und damit die Herausforderung der Spitzenpositionierung von Graz als Kultur- und Wissenschaftsstandort aufgenommen.

Staatsfeiertag

Das zeitliche Ereignis Staatsfeiertag ist Anlass, um den Blick von der Vergangenheit, vom Abzug des letzen alliierten Besatzungssoldaten am 26.10.1955 in die Zukunft zu richten. Mit der wiedergewonnenen Freiheit will die Stadt Graz ein spezielles Kulturprogramm initiieren, das den Blick auf die seinerzeitigen Befreier heute richtet. Kein nostalgischer Blick, sondern einer auf die avancierten, autonomen, freien Ideen mit Zukunftspotentialen. Es werden Erkundungen nach Freiheiten sein müssen, zumal sich Innovationskraft und Kreativität der Menschen doch nur in Freiheit entfalten können.
Dass diese Erkundungen unter dem Postulat einer Wissensgesellschaft erfolgen ist offensichtlich. In Zeiten der zunehmenden Gefährdung im Tausch von Freiheit gegen Sicherheit stellt dies eine besondere Herausforderung dar. Von Graz ausgehend wird somit der Staatsfeiertag “im Wissen um die Freiheit” geistig, bzw. kultur- und zukunftspolitisch aufgeladen um einer weiteren Entgeistung durch Marathon-, Wanderung-, Folklore- und etc- Events zu entgegnen. Diese Vereinnahmung ist durchaus beabsichtigt.

Richard Kriesche

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