PROLOG REENACTING DARTMOUTH



Freitag 19. September 2025

Block 2 10:00

Lori Emerson - Ein Ausloten an Möglichkeiten einer aus der frühen Kybernetik abgeleiteten geozentrischen KI
Dieser Block konzentriert sich auf eine mögliche Geschichte der KI auf Basis der Kybernetik.

In diesem Beitrag kehre ich zu einigen der frühesten Artikulationen der Kybernetik zurück (von Norbert Wiener, Claude Shannon, Stafford Beer und Ross Ashby), um zu zeigen, dass es immer die Möglichkeit eines Verständnisses von Rückkopplung und Rekursion gab. Ein Verständnis, das entschieden desinteressiert an abstrakten, körperlosen Vorstellungen von Gehirnen und Denken war, die zu jener Version von KI führten, die wir heute erleben. Unter Rückgriff auf Erkenntnisse von Hannah Arendt aus dem Jahr 1963 über “Die Eroberung des Weltraums und die Gestalt des Menschen” sowie auf zeitgenössische Schriften von Yuk Hui zeige ich, wie man zu den Ursprüngen der Kybernetik zurückkehren könnte, um sich eine KI vorzustellen, die nicht so sehr nach übermenschlicher Intelligenz strebt, sondern vielmehr in ein Denkmodell investiert, das fest an die Erde gebunden, begrenzt, verkörpert und relational ist.



Xiaowei Wang - Schimmerndes Gold und technische Körper

In meinem Vortrag nehme ich die Behauptung, dass die Diaspora ein Ort der Erkenntnisgewinnung ist ernst indem ich die Entstehung von drei Modellen des menschlichen Körpers und Körperwissens - der poröse Körper, der technische Körper und der dislozierten Körper - anhand von archäologischem Material über chinesische Medizin im amerikanischen Westen während des 19. Jahrhunderts untersuche. Anhand dieser Körpermodelle möchte ich eindeutige Zusammenhänge zwischen dem Verstehen dieser Formen des Körpers und ihrer Einbettung in die Natur und dem Verständnis von Kybernetik herstellen.

Xavier Nueno - Das Prinzip des geringsten Aufwands oder wer wissenschaftliche Erkenntnis vorantreibt

George Kingsley Zipf widmete seine Karriere der Entwicklung einer von ihm selbst geschaffenen Wissenschaft: der statistischen Humanökologie. Im Mittelpunkt stand eine aus dem Zählen von Wörtern abgeleitete einfache Beobachtung. In jedem beliebigen Text, so argumentierte Zipf, kommt das häufigste Wort doppelt so oft vor wie das zweithäufigste, dreimal so oft wie das dritte und so weiter. Zipf fand, dass von Homer bis Joyce, von den Sprachen der amerikanischen Ureinwohner und dem Erlernen von Sprachen bis zu Träumen und Psychosen, sich dieses Muster wiederholt - der Beweis für ein universelles „Prinzip des geringsten Aufwands“, wie er glaubte.

Zipfs Gesetz, wie es später genannt wurde, knüpfte an frühere Erkenntnisse von Vilfredo Pareto in der Wirtschaftswissenschaft sowie Samuel Bradford und Alfred Lotka in der Bibliometrie an. Es schien eine natürliche Ordnung zu bestätigen, in der eine kleine Elite regierte, während die Mehrheit folgte. Doch gerade im Bibliothekswesen - vor allem durch die Arbeit von John Desmond Bernal und der Association of Scientific Workers - wurde dieses vermeintliche Naturgesetz am deutlichsten kritisiert. Inspiriert von den sowjetischen Fortschritten in der Bibliographie und wissenschaftlichen Planung, stellten diese Kritiker Zipfs Gesetz nicht als universelles Prinzip, sondern als historisch gewachsenes soziales Konstrukt dar.





Block 3 14:00

Philip Leitner - Das Gute, das Böse und das Hässliche
Ein Block zum Thema Mensch in der Schleife, welche Schleife und wem gehört sie…

attention is all you need¹ klingt sehr nach der First Rule of Influencing; wie ein Pfad, der direkt zum Gipfel der socialmedia-sococraty führt. Diese revolutionäre Veröffentlichung aus dem Jahr 2017 schlägt zusammen mit der scheinbar bis jetzt größten Marketingkampagne für KI von OpenAI ein neues Kapitel auf.

Eine digitalisierte Menschheit verbessert aktiv Maschinen bei der Nachahmung menschlichen Verhaltens und menschlicher Sprache. Sobald wir Dinge wie die so-genannte Innovation oder den Fortschritt abziehen, werden einige alte Kritiken an der industriellen Revolution anwendbar erscheinen. In diesem Sinne ist die künstliche Intelligenz nicht so neu und glänzend, wie sie derzeit scheint.

[1] Attention Is All You Need



rybn.org (Marika Dermineur, Kevin Bartoli)

Marika präsentiert das Projekt HUMAN COMPUTERS, in dem die Beziehungen zwischen Informatik und Arbeitsorganisation untersucht werden. rybn.org/human_computers



Kevin stellt das Projekt HUMAN PERCEPTRON vor, bei dem die Teilnehmer:innen aufgefordert wurden, alle Schritte eines Perceptrons, des allerersten neuronalen Netzes, das zur Identifizierung von Objektklassen entwickelt wurde, manuell zu berechnen. human_computers/humanperceptron





Block 4 17:00

Andreas Rathmanner - Content Inzucht – Wenn KI sich selbst verdaut
Ein Plädoyer für digitale Diversität, widerständige Datensätze und eine Kultur jenseits der algorithmischen Selbstverdauung.

In Zukunft wird generative KI zunehmend unsere Informationsräume prägen. Schon jetzt verwenden Millionen von Menschen KI Modelle um Texte, Bilder und Videos für uns zu generieren. Aber je mehr Inhalte von KI produziert werden, desto mehr werden diese Inhalte zur neuen Realität – sie fließen als Trainingsdaten in die nächsten Modellgenerationen, aus denen wiederum Texte, Bilder und Videos generiert werden, die dann wiederum Texte, Video und Bilder generieren. Diese rekursive Rückkopplung führt zu einer Art kultureller Inzucht – einer schleichenden Erosion von Vielfalt, Kontext und Originalität. Statt aus der lebendigen Komplexität der physischen Welt zu schöpfen, speisen sich die Modelle zunehmend aus algorithmisch erzeugten Imitaten. Die Modelle vergessen quasi, wie unsere Welt oder Vielfalt aussieht, da sie nur noch sich selbst als Maßstab verwenden. Statt Neues zu ermöglichen, verengen sie den Horizont: Immer wieder werden dieselben verwertbaren, optimierten, standardisierten Muster verstärkt – das Verfügbare ersetzt die Diversität unserer Welt.

Wie verändert sich unsere Wahrnehmung in einer Welt, die von KI Modellen gespeist ist? Werden typische KI-Artefakte Teil akzeptierter Bildsprache? Wie verändert sich Bildaufbau und Komposition, wenn Prompts statt Kameras die Regeln setzen? Welche Gefahren drohen, wenn eine visuelle Monokultur von wenigen Modellen und Datensätzen geprägt wird? Und welche Strategien können queere, subkulturelle oder experimentelle Stile vor dem Verschwinden in homogenen Datensets bewahren? Und was wäre ein Gegenmodell – eine Datenökologie, die kuratierte Vielfalt, kritisches Datenbewusstsein und lebendige Interferenzen fördert?



Marek Tuszynski - Informationskrankheiten

In seinem Vortrag geht er der Frage nach wie aufkommende Technologien die Gesellschaft, die Politik und die Geschichten, die wir erzählen, leise, aber kraftvoll umgestalten. Anstatt die digitalen Innovationen zu feiern, untersucht der Vortrag eher ihre beunruhigenden Auswirkungen, wie z. B. Hyper-Profiling, emotionales Targeting und die Zunahme von synthetischem Vertrauen. Letztlich lädt er zum Nachdenken darüber ein, wie Technologie Verhalten und Emotionen verändern kann, und gleichzeitig die Infantilisierung der öffentlichen Debatte und die Aushöhlung der demokratischen Grundlagen vorantreibt.



Oskar Beneder - Künstlich, intelligent, unklar – Ein Reality-Check mit Copilot
Wie KI im Alltag funktioniert, was sie (nicht) kann und warum wir trotzdem den Überblick behalten, sollten.

KI ist kein Zauber, sondern Werkzeug – und manchmal auch einfach nur ein sehr schneller Papagei mit Internetanschluss. In meinem Vortrag zeige ich, wie Unternehmen KI heute einsetzen, was wirklich dahintersteckt und warum „smart“ nicht immer auch klug heißt. Am Beispiel von Microsofts Copilot demonstriere ich, wie man eigene Agenten baut, ihnen gutes Benehmen beibringt, oder zumindest versucht, sie zu verstehen. Besonders spannend: Was passiert, wenn KI beginnt, sich mit von KI erzeugten Daten zu füttern? Willkommen im Zeitalter der Dateninzucht, wo Vielfalt schrumpft und der Algorithmus sich selbst zitiert. Mein Ziel ist es, KI zu entmystifizieren, Missverständnisse aufzuknacken und zu zeigen: Wer die Maschine durchschaut, kann sie auch sinnvoll nutzen, mit Haltung, Neugier und einem gesunden Maß an Skepsis.