PROLOG REENACTING DARTMOUTH
Samstag 20. September 2025
Block 5 10:00
Norbert Math - Große Erwartungen: Kreativität dank KI?
Dieser Block beschäftigt sich mit Fragestellungen zu KI und Kreativität.
Kreativität kommt in allen Lebensbereichen vor. Ich beziehe mich beispielhaft auf Musik, insbesondere elektronische Musik, da dies mein kreatives Arbeitsumfeld ist. KI ist als Werkzeug durchaus schon in der Tontechnik angekommen, etwa zur Aufbereitung des Materials oder zum Mastering. KI kann Aufgaben lösen, wie zB: einzelne Instrumente aus einer Abmischung isolieren, präzise filtern und Tonhöhen korrigieren. Im Bereich der Komposition kann KI brauchbare Dienstleistungen liefern, insoweit man Komposition arbeitsteilig auffasst: So können Varianten eines Themas, oder Drumpatterns erstellt werden. Anhand von trainiertem Notenmatierial können sogenannte Variational Autoencoder dem Vorbild ähnliche Musikstücke erzeugt werden, eine Klassifizierung nach emotionalem Gehalt ist möglich.
Es gibt zahlreiche Anbieter, welche automatische Musik aus einem Prompt heraus erzeugen. Wir kommen hier in den Bereich des Spekulativen wo KI, abhängig von den Erwartungen an das Produkt selbst, überzeugendes liefern kann oder auch nicht. Sogenannte Hintergrundmusik, aber auch Sound Scapes sind machbar und werden etwa für Spiele gemacht. Die Abhängigkeit von großen Datasets schafft allerdings eine Nivellierung auf durschnittliche Lösungen, zudem ist dieser Zugang rein parasitär, beutet von Menschen erzeugte Kompositionen aus.
Kann KI auch höherwertige Kreativität erzeugen, oder zumindest fördern? KI kann Kreativität fördern, indem sie laterales Denken fördert. Laterales Denken (Edward de Bono) umfasst Strategien Denk- und Schreibblockaden zu lösen. KI kann rein aleatorischen Systeme überlegen sein, als Antagonist im kreativen Prozess. Auch wenn anzunehmen bleibt, dass Maschinen keine höherwertige Kreativität erreichen können, kann KI doch ihren Beitrag leisten.
Bob L.T. Sturm - Die Ethik der KI in der kreativen Arbeit
Mein Vortrag befasst sich mit vielen Fragen, die im heutigen Diskurs über künstliche Intelligenz und Kreativität auftauchen, und vertritt mehrere Positionen: Können KI-Systeme kreativ sein? (Ja.) Können KI-Systeme, die auf bereits Bestehendem trainiert werden, wirklich etwas Neues schaffen? (Ja.) Ist das Trainieren von KI-Systemen mit urheberrechtlich geschützter menschlicher Kreativität Diebstahl? (Nein.) Demokratisieren KI-Systeme die Kreativität"? (Nein.) Ich werde über jede dieser Fragen und Positionen der Reihe nach sprechen, wobei ich mich besonders auf Musik konzentriere und dies mit Beispielen aus meiner eigenen Arbeit zur Erforschung von KI illustriere. Dies motiviert mich zu einer ethischen Betrachtung des Einsatzes von KI-Systemen in der kreativen Arbeit.
Merzmensch (Vladimir Alexeev) - Die Ethik der KI in der kreativen Arbeit
Das Saatgut jeder Epoche ist tief in uns verankert. Jede neue Epoche hinterfragt die Vergangenheit, überschreibt Konventionen und gestaltet unsere kulturellen und künstlerischen Konzepte, sowie Autor:innenschaft neu. Das aktuelle Zeitalter ist von einer Mensch-Maschine Zusammenarbeit geprägt, und obwohl generative KI erst etwa zehn Jahre alt ist, reichen die Ursprünge der generativen Kunst bis in die 1960er Jahre zurück. In seinem kurzen, aber turbulenten Überblick stellt der Künstler, Forscher und Autor Merzmensch die Stimmen und Visionen brillanter Köpfe aus zwei Jahrhunderten vor, die in enger Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz unsere kulturelle Gegenwart und Zukunft gestaltet haben.
Block 6 14:00
August Black - Akustischer Raum
In diesem Block wird untersucht was passiert, wenn die Unmittelbarkeit zeitgenössischer elektronischer Medien auf verschiedene KI Arten trifft.
Zur Zeit der Dartmouth-Konferenz, bei der der Begriff Künstliche Intelligenz geprägt wurde, beschäftigte sich Marshall McLuhan damit, wie die Medientechnologien des 20. Jahrhunderts die menschliche Kommunikation und Gemeinschaft formte und von ihr geformt wurde. Eine wenig beachtete und alte Vermutung von ihm besagt, dass die Menschheit mit der Erfindung des phonetischen Alphabets den akustischen Raum verließ und in einen neuen von Text und Bild dominierten Zustand der Hypnose eintrat. Während der akustische Raum mehrdimensional, überlappend, widerhallend und resonant ist, ist der visuelle Text und rechteckige Bildraum zentriert, sequentiell und beanspruchend. Folgender Vergleich macht dies deutlich: Man kann Radio hören oder Musik genießen, während man kocht und sich mit anderen unterhält. Beim Doomscrolling oder-surfing auf dem Handy ist das kaum möglich.
McLuhans Theorie prognostizierte auch, dass die zeitliche und dynamische Unmittelbarkeit elektronischer Medien uns wieder in den akustischen Raum zurückführen wird, selbst im Visuellen. Was geschieht, wenn wir unsere Computer nicht mehr berühren, nicht auf flache rechteckige Bildschirme schauen, keine Dateien mehr verwalten oder schwierige Anfragen formulieren müssen? Was passiert, wenn KI Varianten es uns ermöglichen, mit dynamischen externen Rechenprozessen in verschiedenen Sprachen, Slangs und gesprochenen Eingaben zu interagieren? Können wir uns positivere, von KI inspirierte zukünftige Schnittstellen vorstellen – freihändig, nicht-rechteckig, dezentral, unauffällig und die im Hintergrund unserer Aufmerksamkeit liegen? Welche Form und Nebenwirkungen hätten solche Entwicklungen?
Darüber hinaus: Wenn die neue universelle Schnittstelle auf Dialog und abgeleiteten Informationen basiert – wie und in welcher Weise werden unsere Worte dann Bedeutung erlangen? Wenn wir nicht mehr über Suchbegriffe suchen, sondern über formulierte Eingaben und Antworten agieren – wie verändert das die Geometrie unseres Diskurses und unser Verhältnis zu den Medien?
Andres Burbano - Die südliche Hemisphäre und der akustische Raum der KI
Die Suche nach computergestützten Werkzeugen zur Umsetzung musikalischer Ideen in den späten 1970er Jahren in Lateinamerikas Kompositionslandschaft enthüllt weitreichende Dialoge zur Geschichte der künstlichen Intelligenz bezüglich Kunst, Musik und McLuhans akustischen Raum und bringt verborgene Kartografien in den Kompositionslandschaften der Region ans Licht, die die Geschichte der künstlichen Intelligenz, die Bereiche Kunst, Musik und McLuhans resonantes Konzept des akustischen Raums verweben. Die technologische Tiefenzeit des Globalen Südens taucht nicht nur als Kontext, sondern auch als vitaler Kontrapunkt auf und zwingt uns die komplizierte Beziehung zwischen Mensch und Maschine und das Zusammenspiel von Schallschwingungen und visuellen Echos neu zu denken. Letztlich erfordert diese Untersuchung einen kritischen Blick, um die monolithische und kulturell losgelöste Darstellung der Geschichte der KI in Frage zu stellen.
Avital Meshi - GPT-ME: KI einverleiben und performen
In meiner Lecture Performance erkunde ich die komplexe Beziehung zwischen menschlicher Identität und künstlicher Intelligenz und beleuchte wie die Verschmelzung menschlicher Kognition und KI die persönliche Handlungsfähigkeit gestalten, fordern, und neu definieren kann. Die live-Demonstration von GPT-ME, einem tragbaren KI-System, das GPT direkt mit meinem Körper verbindet, dient als Darstellung der Verkörperung einer Ko-Evolution zwischen Mensch und Technologie. Im laufenden Projekt integriere ich GPT und lasse zu, dass seine Echtzeit-Antworten meine Sprache, Kognition und mein soziales Verhalten verändern. Statt einfach nur mit KI zu interagieren, verleibe ich sie ein und stelle die Frage nach den Grenzen des Menschseins in einer Welt, in der KI tief in die Konstruktion des Selbst eingebettet ist.
Die Performance lädt ein über das transformative Potenzial eines Mensch-KI-Hybrids nachzudenken. Indem ich mit GPT verschmelze, hinterfrage ich die traditionelle Darstellung der menschlichen Überlegenheit gegenüber eines KI Systems. Statt Technologie als untergeordnete Entität zu betrachten, hebt dieses Projekt die Untrennbarkeit von Mensch und Maschine hervor und bietet eine posthumanistische Zukunftsvision, in der Handeln und Wissen in einer relationalen, mehr-als-menschlichen Welt gemeinsam erschaffen werden. Durch diese Verschmelzung von Mensch und KI lade ich das Publikum ein nachzudenken, wie wir als Individuen und als Gesellschaft eine KI-gestützte Zukunft gestalten können, die sich mit dem komplexen Gleichgewicht zwischen Autonomie, Abhängigkeit, Befähigung und Kontrolle auseinandersetzt.