DigiDic

Leben wir in einer digitalen Diktatur? Sind wir als Künstler*innen reflektiert und widerständig gegen die großen Monopolisten, im speziellen den BIG FIVE, google, facebook, amazon, Apple und Microsoft und den von ihnen bereitgestellten Plattformen und Werkzeugen? Werden wir als Widerständige mehr und mehr ausgeschlossen oder gibt es Alternativen? Wie können wir lernen mit alternativer Hard- und Software sowohl im Produktions- wie im Distributionsbereich zu arbeiten? Sind wir bereit Lebenszeit und Energie zu investieren, um auszusteigen und auf viele Bequemlichkeiten zu verzichten? Was gewinnen wir dadurch? Autonomie? Und schaffen wir es ein Ausstiegsszenario einer jüngeren Generation als sexy zu verkaufen? more

Diese Welt bewegt sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit auf eine absolute Monopolisierung der globalen digitalen Player zu. Ein Zustand den es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat. Milliardenschwere Unternehmen in der Digitalwirtschaft aus den USA (google, facebook und co) und China (Alibaba) treten eine Weltherrschaft an, die in China bereits mit einer monolithischen politischen Macht verknüpft ist. Das Gold – Daten. Das Resultat – die totale Kontrolle, eine von Algorithmen errechnete Bedürfnisschaffungsmaschinerie und der Verlust jeglicher Privatsphäre. Wir alle tragen als „Happy User“ und Konsument*innen durch unseren täglichen Input zu dieser Veränderung bei. Wer Widerstand leistet wird zunehmend aus dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Wenn ich mich etwa weigere einen google, facebook oder Apple Store Account zu haben bleibt mir der Zugriff auf viele an sich brauchbare Apps versperrt, es ist mir nicht mal mehr möglich an die App für mein Bankkonto zu kommen. Das nenne ich digitale Diktatur.
Und was hat die Kunst damit zu tun?
Als Institut für Medienarchäologie fühlen wir uns einer kritischen Betrachtung der Medien und somit der digitalen Welt verpflichtet. Künstler*innen stellen gesellschaftspolitische Fragen und tragen durch ihre künstlerischen Outputs im besten Fall zu einer Bewusstwerdung einer Problematik bei.
Wir brauchen einen Systemwechsel, eine Demokratisierung der digitalen Welt, weg von den diktatorischen Monopolen hin zu einem bewussten Umgang mit und einer Transparenz von „Neuland“. Wir gestalten mit. Kunst ist Gestaltungswille.
Und es gäbe wohl kaum eine bessere Zeit als JETZT sich mit diesen Fragestellungen zu beschäftigen, im home office, in online Konferenzen und dabei auch gleich genau darauf zu achten welche Werkzeuge wir verwenden wollen um sich dieser Monopolisierung zu widersetzen. Jedenfalls KEIN google.doc oder Skype. Und unsere Streamingdaten werden wir weder YouTube noch twich in den gefräßigen Datenrachen werfen.

  • Systemwechsel

    Unter diesem Motto beginnt IMA Institut für Medienarchäologie eine neue Projektreihe die sich ganz einer digitalen Medienarchäologie widmet. Untersucht werden digitale Werkzeuge des selbstverständlichen Gebrauchs speziell im künstlerischen Kontext.

Mit
Ludwig Zeininger (AT) / Gisela Schmalz (DE) / Klaudia Zotzmann-Koch (DE) / Gero Egger / Margarethe Maierhofer-Lischka (DE) / Jogi Hofmüller (AT) / Tassilo Pellegrini / Seppo Gründler (AT) / Ushi Reiter (AT) / Lona Gaikis (CAN) / Norbert Math (AT) / Eva Ursprung (AT) / Reni Hofmüller (AT) / Herbert Waloschek / Martina Eigelsreiter (AT) / Elisabeth Schimana (AT)

Termine

Mit 2020 ist nun auch die breite Kunstszene in der virtuellen Welt angekommen. Viele KünstlerInnen haben den digitalen Raum als Präsentationsmöglichkeiten entdeckt, um im Lockdown nicht in Vergessenheit zu geraten: Streaming-Plattformen, Online-Galerien & -Konzerte, Diskussionsforen, Initiativen und Plattformen, die Live-Acts streamen. Durch Covid19 wurde binnen eines Jahres ein breites künstlerisches Schaffen ins Netz umquartiert, das gegen Spenden, meist aber für 0 Euro abrufbar ist. Welche Konsequenzen hat das

Kunst und Kultur hat per se nicht die Aufgabe Gewinne zu machen und schon gar nicht Kunst, die jetzt im entstehen ist. Egal, ob wir vor der Leinwand sitzen und pinseln, oder ob wir Medienkunst machen. Mit neuen Dingen zu arbeiten ist nicht gewinnbringend.

Denken wir zurück in der Zeit, in die 1990iger Jahre: Das Web war ein Traum, kaum erforscht, ein neuer Raum. Damals war ich mit dem Ö1 Kunstradio eng verbunden und wir haben uns dem Web als Utopie gewidmet, als ein Ort wo wir arbeiten können. Im Vordergrund stand die Frage, was man mit diesem Medium machen kann, im Gegensatz zum Radio, das sich als eindimensionales Medium entwickelt hat. Das Netz bietet ja die große Möglichkeit der Multikommunikation und KünstlerIinnen könnten über dieses Netzwerk ganz Neues erfinden.

Diese Möglichkeiten der - auch künstlerischen - Multikommunikation wird derzeit allerdings primär im Sinne des ‘‘Sich präsentierens’’ verstanden und genutzt. Viele KünstlerIinnen und Kulturbetriebe haben Geld und Zeit aufgewendet, um auch im virtuellen Raum präsent zu sein und nur wenige haben neue, dem Medium entsprechende, Konzepte entwickelt. Woran liegt das?

Damit wird in erster Linie eine eindimensionale Kommunikation bedient. Ich verstehe, dass es wichtig war, dass die Kultur in den virtuellen Raum geht und alles online präsentiert. Die Fördergelder müssen ja irgendwohin. Und natürlich kann man gute Videos machen, das kann man aber schon lange. Ich halte nichts davon live-Konzerte zu streamen, weil die Qualität beschissen ist. Wir begnügen uns mittlerweile mit einer MP3-Klangqualität, die nicht ausreichend ist. Als Beispiel ein Konzert im Porgy&Bess: Die Bandbreite reicht oft nicht aus oder es gibt sonstige technische Probleme und im besten Fall höre ich dann über meine Computerlautsprecher ein Jazz-Konzert, um denselben Preis, den ich Vorort für eine mega Anlage und einen super Sound bezahlen würde. Und jetzt tun alle so, als ob das ein Konzert wäre. Damit bin ich nicht einverstanden. Das sind alles Notlösungen, aber keine Konzepte für diesen digitalen Raum. Was wir jetzt erleben ist schlechteres Radio oder eine schlechte Fernsehübertragung. Too much sind die ganzen Homestories und auf der anderen Seite haben wir aufwendig produzierte youtube clips.

Es gibt neue Ansätze, wie Online-Music und andere neuartige Ideen, wie man mit dem digitalen Raum umgehen könnte. Die Galerie Stock in Wien hat sich wirklich damit auseinandergesetzt und ein interessantes Konzept real/virtual entwickelt. Ebenso die echoræume, eine unabhängige Plattform, die innerhalb der freien Musikszene gegründet und programmiert wurde. Da tut sich sehr wohl was, aber man kann nicht so tun als ob das der Ersatz für den realen Raum wäre. Ich verwende den Begriff Realität ungern, was ist schon Realität? Der virtuelle Raum ist genauso eine Realität. Hier wäre die Unterscheidung in physischen oder elektronischen Raum besser. Beide Räume haben ihre Spezifikationen und interessant ist beide zu verbinden.

Als Musikerin und Komponistin richtet sich Ihre künstlerische Arbeit auf ein spezifisches Klangerleben, eine Klangerfahrung. Wie werden akkustische Werke im virtuellen - oder besser - elektronischen Raum derzeit rezipiert und wo kann/soll/wird es hingehen?

Musik lebt üblicherweise davon, dass MusikerInnen gemeinsam in einem Raum auf einer Bühne spielen. Ausser dem spürbaren, räumlichen Klangerleben, entsteht ein gemeinschaftliches Gefühl, auch beim Publikum. Das fällt weg, wenn ich etwas streame. In der Musik erleben wir da eine massive Einschränkung an musikalischem Raumklang, denn wir haben nur einen kleinen Ausschnitt an Frequenzbereich, den wir daheim über miese Lautsprecher oder Kopfhörer empfangen. Und wir gewöhnen uns immer mehr an diese extrem schlechte Streaming-Qualität und sind mit dieser zufrieden. Das bedeutet auf der anderen Seite, dass auf diesen geringen Frequenzbereich hin komponiert wird. Wir haben also einen riesen Verlust. Die Jungen empfinden das als normal und es ist erschreckend, wie schnell es geht, dass etwas, was eigentlich Müll ist, zu einer Norm wird und gleichzeitig eine neue Klangästhetik schafft.

Es könnte dahin gehen, dass wir Räume bauen und Konzerte spielen, die es noch gar nicht gibt. Nicht schlechtes live-Fernsehen übers Netz, sondern komplette neue Räume mit binauralem Klangerleben, die es so noch nicht gegeben hat. So wie wir momentan Klang rezipieren, kriegen wir kein Raumgefühl. Dazu müssen wir in die VR einsteigen, mit binauralen Produktionen zum Beispiel. Allerdings muss ich den Aussenraum dann komplett ausschalten, damit die Illusion funktioniert. Mir bereitet das noch etwas Unbehagen, die Umgebung ganz auszublenden, aber dann wird es wirklich räumlich.

Die Idee eines freien, virtuellen Raums war zu Beginn eine vielversprechende Utopie. Die Möglichkeiten eines zeit- und raumübergreifenden Mediums, das weltweit Menschen zeitgleich miteinander interagieren lässt, haben in vielen Bereichen unsere Wahrnehmung verändert und unsere Handlungsoptionen erweitert. Warum sind wir wieder in der Eindimensionalität gelandet?

Weil der ganze Raum in der Zwischenzeit durchkommerzialisiert ist. Die ursprünglichen Utopie eines Freiraumes der 90iger, wo Hacker, KünstlerInnen und Freaks den Raum erforscht haben, ist heute durchkapitalisiert. Es ist mittlerweile schwierig mit einer großen Plattform vernünftig zu konkurrieren, weil ich persönlich niemanden mehr erreiche. Mir schaudert bei dem Gedanken, dass alle, die das Netz benützen wollen und nicht für extra Dienste großer Anbieter bezahlen, gedrosselt und zugemüllt werden mit Scheisse und Werbung, weil wir unsere Netz- Neutralität aufgegeben haben. Diese ganze ‘‘Gratis Kultur’’ ist kompletter Schwachsinn: Es gibt nichts gratis, wir zahlen immer, nur im Verborgenen.

Wir haben heute Phänomene wie die jungen Youtube-Stars und InfluencerInnen, die wirklich viel Geld verdienen. Das ist eine neue Generation, die weiß, wie sie sich zu präsentieren und mit dem Medium umzugehen hat. Wir haben Streaming-Plattformen wie Netflix mit absolut professionellen Produktionen. Es entwickeln sich ganz neue Geschäftszweige, die durchaus interessant sind.

Was ist von der globalen Informationsfreiheit und den damit verbundenen gesellschaftspolitischen Visionen eines World Wide Web geblieben? Was für Parameter müssen beachtet oder geändert werden, damit nicht nur eine Handvoll Konzerne sowohl die Infrastruktur als auch die Inhalte des WWW nach dem Winner-takes-all-Prinzip bestimmen?

Da ist einerseits die Frage der Bandbreite: Wer hat Zugang und wo sitzen die Leute, die Zugang zu der nötigen Bandbreite haben? Wir kommen immer zu derselben ungleichen Verteilung. Aber insgesamt hat das Netz wahnsinnig viele Möglichkeit für viele Menschen global gebracht, auch wenn sie nicht die Bandbreite haben. Sie können auf irgendeine Weise partizipieren - solang ihnen die Regierungen nicht das Netz abdrehen.

Natürlich ist Autonomie verloren gegangen und die Abhängigkeit von Megakonzernen, die alles beherrschen, ist enorm. Und wie willig wir sind, uns so abhängig zu machen. Bequemlichkeit ist dabei das Wort schlechthin. Konzerngiganten machen Gewinne, die sind unvorstellbar. Wir müssen wieder raus aus dieser Abhängigkeit, die alles monopolisiert. Wir müssen genauer hinsehen: Wie sieht das mit dem Datenschutz aus? Wer verdient was? Wer muss wieviel wofür zahlen? Europa hat sich komplett in die US-Abhängigkeit begeben, während Russland und China wenigstens ihre eigenen Strukturen bauen.

Andererseits braucht es dringend Reflexion: Welche Infrastruktur soll zur Verfügung gestellt werden? Und wenn Infrastruktur ausgebaut wird, ist diese ganze Netz-Infrastruktur auch eine kritische Infrastruktur? Wieso ist das total privatisiert? Was gehört dem Staat, im Sinne aller, die wir Steuern zahlen? Es wäre möglich einen Teil dieser Infrastruktur der Kunst & Kultur zuzuweisen. Dann könnte man überlegen welche Plattformen, welche ‘‘Häuser’’ man dort baut. Momentan geht es nur darum irgendetwas rauszuschießen; egal für wen, egal in welcher Qualität. Wir müssen auch in diesem Raum beginnen, wieder neue Utopien zu denken. Wir reden von Diversität und Gleichstellung und im digitalen Raum fahren wir und unsere Regierungen eine Schiene, die alles durchkapitalisiert und monopolisiert.

Die Ausstellung ‘‘DigiDi’’ (Digitale Diktatur) ist bereits in Planung.

Ort: klangraum fröbelgasse, Fröbelgasse 30, 1160 Wien

Ort: LAMES Sonnenpark, Spratzerner Kirchenweg 81-83, 3100 St. Pölten Ende August trafen wir uns face to face mit ExpertInnen – aus den Bereichen Medien und Wirtschaft (FH St. Pölten), Design und Communication (FH Joanneum), – aus dem Umfeld der österreichischen Kulturserver mur.at und servus.at, die im Übrigen einen ganz wesentlichen Beitrag des Widerstands leisten – und Künstler*innen aus dem IMA Umfeld zum Austausch und zur Entwicklung widerständiger Strategien in Form künstlerischer Projekte.