DigiDic - Die Ausstellung

Das DigiDic Symposium war die Initialveranstaltung zur Entwicklung widerständiger Strategien in Form interdisziplinärer, künstlerischer Projekte. Basierend auf den Ergebnissen arbeitet das gesamte Team weiter an Konzepten für die Ausstellung.

Folgende vier Themenkreise haben sich herauskristallisiert:

Autonomie bezogen auf den Umgang mit neuen Kommunikationstechnologien more

Martina Eigelsreiter, Margarethe Maierhofer-Lischka, Tassilo Pellegrini, Herbert Waloschek, Klaudia Zotzmann-Koch
 
Dass ein Klick in Facebook nicht nur ein Ausdruck von gefällt mir bedeutet, sondern gleichzeitig eine weltweite Maschinerie von Algorithmen und Datenströmen, von Hard- und Software in Gang setzt, dass der ökologische Fußabdruck einer Suche in Google dem Equivalent einer Tasse Kaffee entspricht, und dass jede Aktivität und Bewegung von uns allen im digitalen Raum in Daten verwandelt wird, die sich kommerziell nutzen, verkaufen, verwerten lassen - diese oft unsichtbaren und nicht direkt fühlbaren Zusammenhänge stellen ganz grundlegend in Frage, wieviel Autonomie und Handlungsmacht uns das digitale Zeitalter trotz des omnipräsenten Dogmas des Individualismus wirklich lässt. Wir gehen den Fragen nach Autonomie am Schnittpunkt zwischen physischem und digitalem Raum nach. Analog zu den gesetzlich verankerten Grundbedürfnissen, die sich beispielsweise in Verfassungen und der Menschenrechtscharta finden, ist es an der Zeit, digitale Grundbedürfnisse zu formulieren, die nicht nur die Sphäre des Individuums betreffen, sondern auch die Sphäre des Gemeinschaftlichen, denn der Cyberspace ist im Wesentlichen ein vernetzter Raum, in dem sich Bereiche des Privaten und Öffentlichen auf vielfältige Weise mischen und überlagern.
 
Zu diesen Grundbedürfnissen zählen wir vorerst:
a) das Bedürfnis nach Kommunikation
b) das Bedürfnis nach Information
c) das Bedürfnis nach Funktionalität und Zweckgemäßigkeit von Systemen und Werkzeugen
d) das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Souveranität im Umgang mit Systemen und Werkzeugen
e) das Bedürfnis nach Vertrauen in Technologien
 
Die völlige Autonomie im Sinne einer gänzlich individuellen Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit auf allen Ebenen ist im digitalen Raum nicht möglich, da vernetzte Strukturen immer Verbindungen und Dependenzen mit anderen Agencies (Personen, Geräten, Algorithmen, Codes, Programmen) beinhalten. Autonomie entfaltet sich im digitalen Raum also als Spielfeld aus Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten und Abhängigkeiten, als eine Suche nach Konsenfeldern, ganz im Gegensatz zu einem Absolutum, wie es etwa der historisch gewachsene Begriff der Autonomie der Kunst vorstellt.
 
Autonomie ist kein Zustand, sondern ein Verhandlungsprozess, der auch Gegenbilder und Auseinandersetzungen braucht: von was wollen wir uns unabhängig, autonom machen? Worauf hin zielt diese Unabhängigkeit und welche Werte setzen wir damit? Wo verläuft die Grenze zwischen eigener Unahängigkeit und der Gemenischaft, welche Formen hat kollektive Autonomie? Je nachdem, welchen Hintergrund, Kontext und welche Fähigkeiten wir als Menschen mitbringen, entwickeln wir eigene Vorstellungen von (digitaler) Autonomie. Darüber in einen Austausch zu kommen und herauszufinden, welche gemeinsamen und individuellen Bedürfnisse und Vorstellungen von Autonomie wir hinsichtlich unseres digitalen Selbsts haben, ist Ziel unserer Arbeitsgruppe.

Subversivität Widerstand leisten, aber wie? more

Seppo Gründler, Jogi Hofmüller, Uschi Reiter, Eva Ursprung
 
Die Bank lügt!
 
Wir gründen ein (Fake) Startup Unternehmen, das folgende Innovation propagiert. Der Hardware Generator (TanGenerator), der gerne von den Banken als sichere Geld-Transfermethode verheimlicht wird, wird in einer Kampagne gepusht. Das Ziel ist mittels dieser subersiven Aktionen und der Webseite auf das Problem aufmerksam zu machen. Es wurde eine EU-weite Bestimmung durchgesetzt, daß SMS (Short Message Service) nicht mehr als gültiges Protokoll für die Verifizierung von Überweisungen gilt. Es sei zu unsicher. Bisher war es so, wenn man eine Überweisung über seinen Online-Banking Account durchführen wollte, ließ man sich einen X-stelligen SMS Code über sein Handy, was nicht zwingend ein Smartphone seine musste, zusenden um die Überweisung zu bestätigen. Das war einfach und nahezu für jede/em praktikabel – der/die im Besitz eines Bankkontos ist.
 
Die neue Bestimmung zwingt nun BesitzerInnen eines Kontos nicht nur dazu ein Smartphone zu besitzen sondern, will uns auch vermitteln, daß die Verwendung eines solchen um ein Vielfaches sicherer ist.
 
Die meist propagierte Alternative der Bank bedeutet eine Überweisung mittels der sog. S-Identity durchzuführen, um eine sichere „Two Way Authentication“ gewährleisten zu können. Sicherheit ist zwar wichtig, aber mit der Einführung der S-Identity beginnt ein besonderes Paradox. Die BenutzerIn wird quasi dazu gezwungen ein Smartphone zu verwenden und sich eine APP, die diese Verifizierungsmethode durchführt, zu installieren. Dabei wird nicht nur eine Generation, die den Umstieg zum Smartphone nicht mehr mitmachen will, völlig ausgeschlossen sondern auch vermittelt, daß die Benutzung eines solchen Handys sicherer wäre. Was eindeutig widerlegt werden kann. Der Gipfel ist aber, daß die zur Verfügung gestellte APP (so nennt sich ein Softwarepaket für das Smartphone) nur über den GOOGLE-Playstore und den APPLE-App Store bezogen werden kann. Sprich diese spezielle APP wird nicht auf der jeweiligen Bankseite zur Verfügung gestellt - sondern muss über die Stores amerikanischer Internet Monopolisten bezogen werden! Hinzu kommt, selbst wenn man ein Smartphone hat, aber diese Stores nicht verwendet bzw verwenden will – wird man quasi dazu gezwungen sich einen Account bei diesen Unternehmen zu organisieren, die gerne als Datensammler in den Schlagzeilen auftauchen. Weiters gibt es auch S-Identidy für den PC, wobei auch hier dieser nur für Windows und OSX angeboten werden. Linux, ein freies Betriebssystem wird hier nicht berücksichtigt.
 
Dieses Vorgehen der EU und der Banken soll paradigmatisch zeigen wie Bestimmungen eingeführt werden die vordergründig der Sicherheit und dem Kundenservice dienen sollen, dabei aber mehr oder weniger absichtlich den BIGFive in die Hände spielen indem die Nutzer*innen gezwungen werden sich bei Google oder Apple einzuloggen und ihre Daten dort zu hinterlegen. Das Projekt wird dokumentarisch auch andere Beispiele dieses Vorgehens aufzeigen.

Utopie Neues unter der Sonne und deren Auswirkungen auf die Beziehungen der Menschen untereinander. Hinterfragung des Wertesystems. Paradigmenwechsel – Was brauche ich? more

Lona Gaikis, Reni Hofmüller, Norbert Math, Gisela Schmalz
 
Die Sehnsucht nach der UTOPIE, dem guten, aber nie erreichten Ort als Neologismus zwischen eu = gut und ou-topos = nicht-Ort (Griechisch) beschäftigt uns im Rahmen des Projekts vor Allem im Hinblick auf den möglichen Systemwechsel in der Zukunft. Tatsächlich konkurieren wir um den Begriff der Utopie und müssen uns eine eigenständige Deutung erhalten. Sie wird uns nämlich als Produkt angeboten, das uns die Erfüllung unserer Begierden verspricht im Austausch für unsere Geheimnisse. Wir hingegen wollen eine Utopie erfüllen, in der wir unsere Unabhängigkeit und uns das Recht auf unsere Geheimnisse bewahren.
 
Als Übung haben wir versucht, uns unser zukünftiges Ich vorzustellen. Unsere Vision war ein Mensch, der sich freigesagt hat von den Zwängen der Content-Produktion und ständigen Online-Präsenz – ein Mensch, der den Konzernen als potentielle Daten-Mine dient. Dennoch hat dieses Zukunfts-Ich Zugang zu einer digitalen Basisversorgung, die es Ihr/Ihm ermöglicht, sich im WWW darzustellen, zu äußern und Kontakte zu knüpfen. Wie erreichen wir diesen Zustand?
 
Zu den Monopolen soll es immer Alternativen geben. Es muss eine Vielheit an Wahlmöglichkeiten und Anwendungen geben. Wir müssen auch Ängste dekonstruieren, denn das Problem, vom kommerziellen sozialen Netzwerk aufgesogen und ausgewertet zu werden, wird nicht nur vom verhaltenssteuernden Design der Programme angetrieben. Es ist auch die persönliche Angst, abgehängt zu werden und nicht zum aktuellen Schwarm dazuzugehören, und womöglich die digitale Existenz zu verlieren, die User antreibt. Viele Geschäftsmodelle haben sich um die Monopolisten der digitalen Plattformen gebildet (Influencer, Online-Shops, Gig Economy, Subunternehmer), weshalb sich unsere Vision auch auf eine finanzielle und körperliche Grundversorgung ausweitet. Wie geben wir unserem Ich in der Zukunft die Sicherheit, dass es ihr/ihm an nichts fehlen wird, auch wenn sie/er aussteigt? Wir müssen ihr/ihm versichern, dass unsere Sorge um den Datenschutz auch in Zukunft bleibt – besonders dann, wenn die vermeintliche Sorglosigkeit das zentrale Versprechen von Big Tech ist.
 
Das Zukunfts-Ich also sagt: „Hab keine Angst. Ich bin noch da und ich sorge mich noch um uns.“ Im Überwachungs- und Dienstleistungskapitalismus ist der FEHLER – alles was die Systematik der Analyse und Kalkulierbarkeit sprengt – eine Form von Widerstand. Zum Glück, sind der Fehler und die Unberechenbarkeit etwas inhärent Menschliches. Unsere Utopie kann nur durch einen vorauseilenden Ungehorsam gegenüber den Systemen stattfinden. Wie lenken wir das allumfassende Auge des Mono-Technologismus ab?

Alternativen Begriff muss geschärft und Opt Out hinterfragt, Zertifikate für Qualitätsstandards und Dezentralisierung gefordert werden, neue digitale unabhängige Präsentationsformen entwickelt werden. more

Gero A. E. Egger, Elisabeth Schimana, Ludwig Zeininger
 
Hier geht es einerseits um die Sichtbarmachung und Vermittlung bereits existierender Alternativen im Software Bereich, aber auch um die Schaffung neuer Präsentationsformen und unabhängiger Präsentationsräume für künstlerische Projekte im Netz. Die angesprochene Gruppe sind die USER. Bequemlichkeit ist eines der Zauberworte, das es zu hinterfragen und durchbrechen gilt.
 
Neue Browser basierte Präsentationsformen im VR / AR Bereich sind gerade im Entstehen. Was wäre wenn wir abseits der BIG Player in Kooperation mit mur.at unsere eigene VR / AR Plattform für künstlerische Projekte entwickeln? Zukunftsmusik? Der interdisziplinäre Ansatz wird aus den nachfolgenden Kurzbiographien leicht ersichtlich.

Für alle Bereiche gilt folgendes mitzubedenken: Digital Divide, Transparenz

  • Systemwechsel

    Interdisziplinäre Ausstellung geplant im Stadtmuseum St. Pölten, Volkskunde Museum Wien, Grazmuseum
    Eine Kooperation mit mur.at (Graz), FH St. Pölten, czirp czirp (Wien)
    Beginn: Ende 2021 / Anfang 2022
    Projektleitung: Elisabeth Schimana, Lona Gaikis

Mit
Gero A. E. Egger / Martina Eigelsreiter / Lona Gaikis / Seppo Gründler / Jogi Hofmüller / Reni Hofmüller / Margarethe Maierhofer-Lischka / Norbert Math / Tassilo Pellegrini / Ushi Reiter / Elisabeth Schimana / Gisela Schmalz / Eva Ursprung / Herbert Waloschek / Ludwig Zeininger / Klaudia Zotzmann-Koch