DigiDic - Die Ausstellung

Aufruf zur digitalen Selbstverteidigung

Diese Welt bewegt sich in einer unglaublichen Geschwindigkeit auf eine absolute Monopolisierung der globalen digitalen Player zu. Ein Zustand den es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben hat. Milliardenschwere Unternehmen in der Digitalwirtschaft treten eine Weltherrschaft an, die in China bereits mit einer monolithischen politischen Macht verknüpft ist. Das Gold – Daten. Das Resultat – die totale Kontrolle, eine von Algorithmen errechnete Bedürfnisschaffungsmaschinerie und der Verlust jeglicher Privatsphäre.

Vertrauen ist die Grundnahrung, Verantwortung können wir als User:innen übernehmen, Versprechen sollten eingehalten werden und Wut und Ohnmacht verspüren wir ob des permanenten Missbrauchs unseres Vertrauens.

Mit Kunstobjekten, interaktiven Installationen, Objekten aus der Sammlung des Museums, Worshops, Performances, Artist Talks und Vorträgen vermittelt die Ausstellung entlang dieser Begriffe einen Blick hinter die Oberflächen und gibt mit dem dazu erscheinenden Handbuch Anleitungen zur digitalen Selbstverteidigung.

Im Teamsport erobern wir uns die Autonomie in der Nutzung unserer geliebten Werkzeuge zurück!



Das kannst du tun: digitale Selbstverteidigung
von Klaudia Zotzmann-Koch

Gegenüber den vielfältigen Problemen im Digitalen ist es nur menschlich, sich überwältigt und machtlos zu fühlen. Doch man muss nicht einen Weltkonzern eigenhändig zerschlagen, um selbst etwas Sinnvolles zu tun. Digitale Selbstverteidigung ist für dich, weil du weißt, dass jede:r von uns etwas zu verbergen und ein Recht auf die eigene Privatsphäre hat. Und damit hilfst du nicht nur dir selbst, sondern auch deiner Familie und deinen Freunden. Denn digitale Selbstverteidigung ist – auch – ein Teamsport.
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Wo wir uns im physischen Leben gegen Raub, sexuelle Belästigung, gewalttätige Betrunkene usw. wappnen, ist es im Netz undurchsichtiger, wer die Akteure und was die Bedrohungen sind. Bei digitaler Selbstverteidigung geht es darum, den Blick zu schärfen, wo es im Digitalen brenzlig werden kann. Damit du immer weißt, was zu tun ist, bekommst du einen praktischen Leitfaden an die Hand, damit es erst gar nicht kritisch wird. Wie im physischen Leben braucht alles Zeit und Übung und geht nicht von heute auf morgen. Manches aus dem Leitfaden wirst du sofort umsetzen, anderes in ein paar Wochen oder erst in einem Jahr. Das Wichtige ist, bewusster mit dem Netz und den unterschiedlichen Akteuren umzugehen. Und wenn du bis hier gelesen hast, hast du den ersten Schritt schon getan.



Autonomie
von Margarethe Maierhofer-Lischka

Dass ein Klick in Facebook nicht nur ein Ausdruck von “gefällt mir” bedeutet, sondern gleichzeitig eine weltweite Maschinerie von Algorithmen und Datenströmen, von Hard- und Software in Gang setzt, dass der ökologische Fußabdruck einer Suche in Google dem Äquivalent einer Tasse Kaffee entspricht, und dass jede Aktivität und Bewegung von uns allen im digitalen Raum in Daten verwandelt wird, die sich kommerziell nutzen, verkaufen, verwerten lassen - diese oft unsichtbaren und nicht direkt fühlbaren Zusammenhänge stellen ganz grundlegend in Frage, wie viel Autonomie und Handlungsmacht uns das digitale Zeitalter trotz des omnipräsenten Dogmas des Individualismus wirklich lässt.
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Wir gehen den Fragen nach Autonomie am Schnittpunkt zwischen physischem und digitalem Raum nach. Analog zu den gesetzlich verankerten Grundbedürfnissen, die sich beispielsweise in Verfassungen und der Menschenrechtscharta finden, ist es an der Zeit, digitale Grundbedürfnisse zu formulieren, die nicht nur die Sphäre des Individuums betreffen, sondern auch die Sphäre des Gemeinschaftlichen, denn der Cyberspace ist im Wesentlichen ein vernetzter Raum, in dem sich Bereiche des Privaten und Öffentlichen auf vielfältige Weise mischen und überlagern.
 
Zu diesen Grundbedürfnissen zählen wir vorerst:
a) das Bedürfnis nach Kommunikation
b) das Bedürfnis nach Information
c) das Bedürfnis nach Funktionalität und Zweckmäßigkeit von Systemen und Werkzeugen
d) das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Souveränität im Umgang mit Systemen und Werkzeugen
e) das Bedürfnis nach Vertrauen in Technologien
 
Die völlige Autonomie im Sinne einer gänzlich individuellen Entscheidungs- und Gestaltungsfreiheit auf allen Ebenen ist im digitalen Raum nicht möglich, da vernetzte Strukturen immer Verbindungen und Dependenzen mit anderen Agencies (Personen, Geräten, Algorithmen, Codes, Programmen) beinhalten. Autonomie entfaltet sich im digitalen Raum also als Spielfeld aus Entscheidungs- und Gestaltungsmöglichkeiten und Abhängigkeiten, als eine Suche nach Konsensfeldern, ganz im Gegensatz zu einem Absolutum, wie es etwa der historisch gewachsene Begriff der ::Autonomie der Kunst:: vorstellt.
 
Autonomie ist kein Zustand, sondern ein Verhandlungsprozess, der auch Gegenbilder und Auseinandersetzungen braucht: von was wollen wir uns unabhängig, autonom machen? Worauf hin zielt diese Unabhängigkeit und welche Werte setzen wir damit? Wo verläuft die Grenze zwischen eigener Unabhängigkeit und der Gemeinschaft, welche Formen hat kollektive Autonomie? Je nachdem, welchen Hintergrund, Kontext und welche Fähigkeiten wir als Menschen mitbringen, entwickeln wir eigene Vorstellungen von (digitaler) Autonomie. Darüber in einen Austausch zu kommen und herauszufinden, welche gemeinsamen und individuellen Bedürfnisse und Vorstellungen von Autonomie wir hinsichtlich unseres digitalen Selbst haben, ist Ziel unserer Arbeitsgruppe.

Mit
Projektleitung: Elisabeth Schimana / Advisory Board: Seppo Gründler _ Eva Ursprung _ Tassilo Pellegrini _ Martina Eigelsreiter / Ausstellungsdesign: Christian Herzog _ Serdar Songür / Audiodesign: Elisabeth Schimana _ Seppo Gründler / Grafikdesign: Nora Bischof _ Andreas Rathmanner / Vermittlung: Klaudia Zotzmann-Koch / Übersetzung: Kimi Lum _ Jacqueline Csuss / Organisation: Anita Hofmann